Die globale Cyber-Steckdose

Mulonga Forum: PROJECT NEWS: DIARY Tonga.Online@ars.electronica: Die globale Cyber-Steckdose
By 3sat / AZFA on Friday, August 15, 2003 - 12:02 pm:

Die "ars electronica" fordert freien Internet-Zugang ( - ein Rückblick auf 2002 / AZFA)


"ars electronica" 2002
mulonga.net



Afrika soll auf den Weg in die Informationsgesellschaft gebracht werden. Auf der Strecke zwischen Emanzipation und Cyber-Kolonialismus gibt es noch internetfreie Zonen. Das Medienfestival "ars electronica" in Linz, beleuchtet dieses Jahr insbesondere die Chancen im Sinne einer basisdemokratischen und künstlerischen Kommunikation übers Internet bis in die entlegensten Regionen Afrikas. In der nunmehr zwanzigjährigen Kontinuität des Festivals und des "prix ars electronica" ist eine Plattform der internationalen Medienkunst entstanden. So gilt beispielsweise das Museum der Zukunft als Prototyp für den Umgang mit neuen Medien, Technologie, Kompetenzen und Anwendung. Das Thema in diesem Jahr lautet: "unplugged". Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der "ars electronica", definiert das "Nicht-an-der-Steckdose-Sein" als "gerissenen Faden, als Bruch in den bislang kontinuierlich nach oben gedachten Entwicklungslinien". Das Projekt gehe von der Faktizität einer global vernetzten Welt aus, der sich auch fern der dominanten Kapitaltriade USA-Europa-Japan niemand entziehen könne, egal wie weit man von der nächsten Steckdose entfernt sei.

Dunkle Flecken und ein blauer Bus


Ein Satellitenblick auf den einst blauen Planeten zeige schon heute, dass unser Planet wie ein Cyborg mit Technik überzogen ist, meint Stocker. Als "dunkle Flecken" der Globalisierung sind darauf jene Territorien zu sehen, die von Technologie noch ausgeschlossen sind und denen man sich in diesem Jahr bei der "ars elctronica" widmen will. Etwas verloren in so einem "dunklen Fleck" in Afrika wirkt da ein blauer Bus, der vollgestopft mit Technologie in der Stadt Binga in Zimbabwe steht. Von diesem Bus aus nimmt die Randgruppe der Tonga am "ars electronica"-Projekt "mulonga" teil und stellt audio-files ins Netz. Es gibt natürlich andere Probleme in Afrika, doch für die Initiatoren steht alles miteinander in Beziehung. Es gehe eben nicht nur darum, jemandes Magen, sondern auch jemandes Geist zu füllen, dass heißt Internet-Zentren zu bauen, die Leute mit dem Netz zu verbinden. Warum sollte es nicht möglich sein, das Volk der Tonga mit den Früchten des Cyberspace zu erfreuen, wie jeden anderen auch, meint eine Teilnehmerin an dem Projekt in Zimbabwe.

Es wird schnell deutlich, dass der Cyberspace machtpolitische Dimensionen erlangt hat, über die sich auch die Globlisierungsgegner bewusst sind. Im Symposion "unplugged" wird die Rolle der Informations- und Kommunikationstechnologien für die Antiglobalisierungsbewegung zur Sprache gebracht: Wirtschaftliche und soziale Machteliten Amerikas werden geschwächt oder sogar ganze Plattformen und Kommunikationsebenen ausgelöscht. Sie transformieren die Embleme nationaler Identität zu einer sich permanent verändernden Internet-Flagge und zeigen in zahlreichen Beispielen, wie man durch Schlupflöcher in die Festung Europa eindringen kann.

Internet als Kampf- und Kunstzone


"Wenn das Internet uns erlaubt, eine kritische Masse an Europäern zu erzielen, die die Vision eines neuen Afrikas teilt, das sich vom Weltmarkt nicht instrumentalisieren lässt, dann kann das für die wirtschaftliche und politische Befreiung dieses Kontinents einen wichtigen Beitrag leisten", meint Symposionsteilnehmerin Amiata Traoré. Medienkünstler, die sich bei der "ars electronica" formiert haben, nehmen subversiv Stellung zur Abschottung industrialisierter Weltregionen. Sie proben den Aufstand gegen eine Praxis der Globalisierung, die auf Ausschließung und Abschottung abzielt. "Unplugged - Kunst als Schauplatz globaler Konflikte" lautet ihr Schlachtruf auf dem internationalen Medienfestivals und ist zugleich ein Aufruf an die Kunst, am vernetzten Medienplaneten Erde mitzumischen.

Herzstück der diesjährigen "ars electronica" ist das Projekt "open air", an dem auch "mulonga" beteiligt ist. "Open air" ist ein globales Netzwerk künstlerischer Kommunikation und ein basisdemokratisches Modell. Für den mexikanisch-kanadische Medienkünstler Rafael Lozano-Hemmer gibt es weltweit ein Missverhältnis, eine Entfremdung, eine Unzufriedenheit in der Beziehung zwischen Wählern und ihren Regierungen. Er macht Kunst zum Schauplatz globaler Konflike und wagt eine andere Variante von Basisdemokratie am Linzer Hauptplatz. Lozano-Hemmer hat schlicht und einfach das Linzer Rathaus verhüllt, ein "Gebäude der Macht", wie er sagt. Die Bürger der Stadt haben so die Möglichkeit, sich darauf selbst darstellen - mit ihrem Schatten. Der Künstler will neue Mechanismen etablieren, damit sich Leute nicht nur, in einem Anflug von Überheblichkeit manchmal 22 Meter groß fühlen, sondern als 22 Meter große Schatten das Rathaus optisch verändern.

An insgesamt elf Schauplätzen und im Internet werden künstlerische Entwürfe gegen eine auf Ausgrenzung basierende Globalisierung, gegen Gewalt und für eine "bessere Welt" ausgestellt. Die "ars electronica" will so auch die "dunklen" Regionen des Satellitenbildes cyberspacig erhellen. Ein von der UN gesponsorter, kleiner blauer Laster vollgestopft mit Elektronik in der Weite Afrikas kann erst der Anfang sein, denn die Afrikaner - ob jung, ob alt - stehen geduldig Schlange, um auch einmal in den Cyberspace zu gelangen.


09.09.2002
Kulturzeit


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